Kontaktaufnahme ohne Blickkontakt

Ganz zu Anfang, hier geht es nicht um Dating-Tipps und das erfragen von solchen. Ich bin glücklich mit meinem aktuellen Freund und will alles, aber ganz sicher nicht ihn austauschen. Es ist eigentlich etwas viel einfacheres und zwar… wie starte ich ein Gespräch mit jemandem, der mich partout ignoriert.

Okay, im Sinne von „no means no“ könnte ich einfach interpretieren, dass er einfach kein Interesse hat und ich damit leben muss. Ja, darüber habe ich auch schon lange gegrübelt, ob derjenige mich einfach nicht sprechen will und deswegen sich so verhält wie er es tut.

Aber ich fange einfach mal am Anfang der Geschichte an:
Wie einigen von euch vielleicht bekannt sein dürfte, arbeite ich in einer Bibliothek als Lesesaal-Aufsicht. Man spricht in dieser Zeit eigentlich mit vielen Leuten und ist auch froh, wenn man nicht die ganze Zeit durch quatschen muss. In dieser Zeit sieht man aber auch viele Studenten ständig an sich vorbei ziehen. Sie gehen rein, suchen sich einen Platz, gehen raus, machen kurze Pause. Es wird kopiert, gescannt, draußen telefoniert, leise geflüstert oder laut gesprochen (darauf folgt dann eine sanfte Ermahnung)

Viele von diesen Gesichtern werden zu bekannten Fremden. Man sieht sie, kennt sie aber nicht und wenn sie nicht gerade Bücher abholen, spricht man nicht mit ihnen. Um so einen bekannten Fremden geht es in meinem Fall.
Er fiel mir schon früher auf, ganz abseits der Bibliothek. Er war einer dieser vereinzelten Leute, die wie ich jeden Morgen den gleichen Zug nahm. Lange wusste ich nicht wo sein Ziel liegt. Nur der Hauptbahnhof oder doch weiter. Ich wusste es nicht, fand es aber sympathisch ihn jeden Morgen dort zu sehen. Ich weiß nicht wie es euch geht, aber für mich hat es etwas beruhigendes immer die gleichen Gesichter zu sehen. Es gehört zum Alltag, man leidet zusammen wenn ein Zug ausfällt oder das Wetter bescheiden ist. Man bemerkt wenn Urlaub ist oder ähnliches es hat eine gewisse Routine.

Irgendwann sah ich den fleißigen Studenten dann auch in der Bibliothek ein und ausgehen und wussste, der junge Mann hat das gleiche Ziel wie ich. Schon damals fiel mir auf, wie introvertiert er ist. Es wird der Blickkontakt vermieden, so dass man kein Lächeln austauschen kann. Die Hände verschwinden immer nervös in den Ärmeln oder halten den Saum des Ärmels fest, während er an der meist doppelt besetzten Theke vorbei geht. Der Blick zu Boden gerichtet.
Kurz: Er wirkt sehr in sich gekehrt.
Ich dachte mir lange nichts dabei, fand es schade, weil ich ja kein überaus geselliger Mensch bin, aber doch bekannte Gesichter oft grüße und sogar zurück gegrüßt werde. Ich verbreite gerne gute Laune und mehr ehrlich, wen würde es nicht freuen, wenn man nett begrüßt wird oder wenigstens ein Lächeln bekommt von einem Menschen, den man fast täglich sieht.
Oder denke ich in diesem Punkt falsch?

Aber mittlerweile bin ich teilweise echt verzweifelt. Ich hab einfach nie gelernt Freundschaften zu starten. It kind of… happened!

Zumindest fühlt es sich im Rückblick so an. Man fing einfach so zu reden und ja… außerdem fällt es mir viel leichter über Schrift Kontakte zu knüpfen, weswegen ich ziemlich viele Bekanntschaften im Internet habe. Gemeinschaftliche Interessen führen einen zusammen und so kommt man ins Reden, aber gerade dieses gemeintschaftliche Interesse lässt mich jetzt nicht in Ruhe bei meinem bekannten Fremden.

Es fing an mit einem Wrestling Shirt.
Ich saß einen Donnerstag hier, kümmerte mich um meine Arbeit und sprach mit meiner studentischen Hilfskraft. Es war nicht viel los und so war etwas Zeit für ein leises vertrauliches Gespräch, als er wieder mal an der Theke vorbei lief. Den Kopf gesenkt und mit seinem Jacket über einem Shirt… doch plötzlich loderte mein Gehirn auf. Das Motiv darunter war nicht sehr deutlich und doch habe ich es sofort erkannt. Es war ein Young Bucks Shirt!

Etwas komplett untypisches für den Otto-Normal-Wrestling Fan aus Deutschland. Ja, es gibt sie auch hier, die Indy-Fans. Aber sie sind gefühlt sehr in der Unterzahl. Fans, die Wrestling Shirts tragen, sind so schon ziemlich selten, zumindest nach meiner nicht repräsentativen Studie (aka Mira sitzt und schaut sich um und guckt was um ihr so herum läuft).
Aber was das so selten macht, ist das es ein aktuelles Shirt war. Das heißt, er muss es im Internet in den USA in einem speziellen Wrestling Shop bestellt haben. Young Bucks ist nichts, was man einfach so im EMP sieht und dann shopped, weil es gut aussieht, so wie einige junge Damen an ihre Nirvana oder Rolling Stones Shirts kommen. Zwar gibt es in einer Kette in den USA genannt Hot Topic die Shirts auch so im Regal, aber niemand in Deutschland wird doch dort browsen und sich den Kram mit hohen Versandkosten kommen lassen, wenn man keine Ahnung hat, was der Aufdruck bedeutet.

Dieser Tag war der Startschuss meiner verzweifelten Suche nach dem perfekten Moment, um ein Gespräch zu starten. Leider sehen wir uns morgens am Zug nicht mehr, wahrscheinlich fährt er früher, da ich doch erst eine halbe Stunde nach Öffnung der Bibliothek meinen Dienst beginne.
Also fällt das leider weg.
Ich fände es nämlich persönlich einfacher ihn am Bahnsteig abseits meiner Arbeit anzusprechen als während ich hier mit Namensschild hinter meiner Theke sitze und eigentlich aufpassen muss, dass hier Zucht und Ordnung herrscht.
Wie mache ich hinter so einer Theke auf mich aufmerksam ohne komplett hirnverbrannt zu wirken oder einzuschüchtern. Läuft jemand mit einem offenen Kaffeebecker vorbei, habe ich kein Problem damit Terz zu schlagen und Aufmerksamkeit zu erregen, dass ist ja der Fehler des Benutzer, weil er sich nicht an die Regeln hält.

Aber einfach ein Gespräch anfangen über Wrestling, dafür möchte ich nicht laut werden. Er macht ja eh schon ziemlich deutlich, dass er sich eigentlich unwohl fühlt. Aber gerade deswegen würde ich ihm auch gerne sagen: Kerl, du wirkst allein wegen deinen Shirt so klasse!

Er soll sich nicht negativ an die Bibliothek erinnern, sondern eher wissen, dass hier jemand sitzt der einen ähnlichen Geschmack hat. Es hört sich doof an, aber irgendwie gerade weil er so verschlossen ist, würde ich mich freuen vielleicht mal ein Lächeln zu sehen.

Es ist dämlich, aber ich habe mit dem Eintrag heute für mich angefangen, mal seine Shirts zu protokollieren.

Vielleicht lache ich irgendwann darüber, vielleicht verschwindet er auch einfach, weil sein Studium beendet ist… vielleicht… sprechen wir irgendwann und er denkt ist bin komplett durch oder aber er findet es gut.

Meine aktuelle Hoffnung ist, dass ich unregelmäßig an der Ausleihe abends aushelfe und dort habe ich ihn schon mal gesprochen. Vielleicht kommt er ja wieder, wenn ich Dienst habe und dann sag ich: Hey, nettes Shirt. Die Young Bucks sind die Elite!

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